bauwelt 22.2025

SPORT ALS STADTBAUSTEIN

In einem lange als „schwierig“ geltenden Quartier im Pariser Nordosten hat das Büro Graal eine Sportanlage erneuert. Das Konzept kombiniert frei zugängliche und vereinsgebun-dene Bereiche – reduziert in der Konstruktion, akzentuiert auf den Spielflächen.

Sport verbindet. Sport stärkt und bestärkt. Sport und Stadt beginnen nicht nur mit demselben Buchstaben, sie können auch in ein ebenso schwungvolles Zusammenspiel treten, wie das große S vorgibt. So zu sehen anhand des neuen Sportzentrums im Pariser Quartier „Les Amandiers“, einem Teil des 20. Arrondissements. Es liegt zwischen dem Parc de Belleville und dem Friedhof Père-Lachaise. Mandelbäume sucht man heute vergebens, dafür aber finden sich immer mehr Coffeeshops. Die Preise steigen. Für den Kaffee, für die Mieten. Statistische Daten zeigen einen stetigen Zuzug von Besserverdienenden, Haushalte schrumpfen. Dabei galt Les Amandiers bislang als ärmliches Viertel oder „îlot insalubre“. Der migrantische Hintergrund der Bewohnerschaft ist wie im gesamten 20. Arrondissement hoch.

Vor der Eingemeindung nach Paris in den 1860er Jahren, war die Gegend landwirtschaftlich geprägt – es gab Gärten und Plantagen –, danach ein Arbeiterquartier mit Werkstatthallen und kleinen Häusern. Dieser Charakter zog sich durchs zwanzigste Jahrhundert; an die Stel-le der kleinen Häuschen der Anfangszeit tra-ten erst Mietskasernen, ab den achtziger Jahren Großwohnblöcke. Zu der Zeit rückte das Quartier aufgrund hoher Jugendarbeitslosigkeit, vieler prekärer Haushalte, und einem hohen Sozialwohnungsanteil in den Fokus der Stadentwicklung: Im Rahmen einer mittlerweile als „Quartier prioritaire de la politique de la ville“ (QPV) betitelten Strategie wurden diverse Förderprogramme für Schulen, Stadtumbau, Sicherheit, Integration, Beschäftigung und lokale Initiativen auf den Weg gebracht. Später wurde Les Amandiers zudem als ZAC – „Zone d’aménagement concerté“ ausgewiesen, was der Stadt vorübergehend erlaubt, Gebäude und Flächen zu kaufen, um eine zielgerichtete städtebauliche Sanierung vorzunehmen.

Bereits in einer frühen Phase der QPV-Planungen (als Les Amandiers noch als „quartier en difficulté“ galt) war an der Rue des Cendriers ein Sportplatz mit Spielfeldern für Fußball, Basketball und Tennis angelegt worden. Auch eine Laufbahn ergänzte dieses erste „Terrain d’éducation physique“ (TEP). Schulen und Vereine nutzten die Fläche. Der Ort war ein wichtiger Identifikationspunkt für die Nachbarschaft, jedoch in vielerlei Hinsicht dysfunktional: Die Verteilung der Sportarten entsprach nicht der Nachfrage, zudem nutzten vor allem Jungs und Männern das Angebot. Auch behinderte die Positionierung einer Pförtnerloge entlang der Kurzseite des Feldes die Einsichtigkeit, was Gewalt und Drogenkriminalität  Vorschub leistete. Der Umbau des Areals durch das Pariser Büro Graal ist seit dem vergangenen Jahr abgeschlossen. Er folgt einem neuen Ansatz.

Heute ist das TEP ein Stadtbaustein, der Hochbau, Frei- und Straßenraum in Beziehung setzt. Neben einer Sporthalle und zwei der Halle angeschlossenen, überdachten Spielfeldern gibt es nun eine frei zugängliche Sportfläche. Sie ist zwar mit Gittern und Netzen abgesichert – damit Bälle nicht nach außen springen –, jedoch gut einsehbar. „Dass es nachts keine Beleuchtung gibt, beugt außerdem Gewalt und Kriminalität vor“, erklärt Architektin Flavie Meyer-Bertola, die das Projekt bei Graal begleitet hat. Der Boden der beiden Spielfelder ist bunt, Markierungen für unterschiedliche Sportarten überlagern sich. Die Ge-räte, um Netze auf- und abzubauen, sind leicht handhabbar und so von jungen, alten, behänden und fahrigen Menschen gleichsam gut bedienbar. „Draußen sind alle willkommen“, sagt auch Graal-Partner Carlo Grispello: „Nachmittags sitzen oft Jugendliche auf der Bank und unterhalten sich.“

Die Bank ist der Sockel des angrenzenden überdachten Spielfelds. Es ist, unterstreicht Grispello, Teil der Sporthalle. Den Gang, der Innen- und Außenspielräume voneinander trennt, nennen sie im Büro „Canyon“. Die Kubatur der Halle erinnert mit ihrem Flachen Satteldach an einfache Industriebauten – „Die Werkstätten der Umgebung standen Pate“, führt der Architekt die Idee aus. Die Gestaltung sollte nahbar bleiben, Graal wollten keine Architektur schaffen, die durch ihre Fancyness überheblich wirkt, sondern „so wenig wie möglich machen“, sagt Meyer-Bertola. Dieses Wenige haben sie sehr bedacht gemacht: Für die Fassade kam ein silbrig schimmerndes Wellblech mit leicht schräggezogenen Kanten zum Einsatz. Die Anordnung aller Licht-, Lüftungs- und Technikinstallationen ist sorgfältig auf Sichtbarkeit geplant. „Es gibt keine Unterhangdecken, auch um zu vermeiden, dass man etwas verstecken könnte“, erklärt Grispello: „Es war wichtig, den Handwerkern zu vermitteln, dass es daher umso mehr darauf ankommt, wo eine Leitung verläuft.“ Eine Anstrengung, die sich auszahlt, denn die Wertschätzung für die Nutzer spricht aus den Details.

In der Halle selbst ist ebenerdig neben einem Boxraum, Umkleiden und Sanitäranlagen auch ein Multifunktionssaal für Vereinstreffen oder Hausaufgabenbetreuung untergebracht. Im Obergeschoss befindet sich ein Dojo. Dieser Saal für Kampfkünste ist über ein Fensterband auf Bodenniveau einem das îlot querenden Fußweg zugewandt. „Beim Judo spielt sich vieles auf der Matte ab, also ist die Verbindung zum Stadtraum durch diese Positionierung des Fensters am besten gegeben“, erklären die Architekten die Setzung. Insgesamt erscheind der Raum, durch eine dunkelblaue Farbgebung in der oberen Hälfte, trotz seiner eigentlich großzügigen Höhe niedrig. „So erzeugen wir die traditionell den Kampfkünsten gewidmete Ruhe und Konzentration“, erläutert Grispello, außerdem stehe das Zusammenspiel Rot-Weiß-Blau natürlich für die Tricolore, fügt er schmunzelnd hinzu.

Im übrigen Gebäude ist Farbe nur sparsam verwendet – weiße Wände und unbehandelt belassene Betonhohllochsteine fachen die Stahlkonstruktion aus, deren tragende Elemente dunkelblau lackiert wurden. Die Sanitärausstattung besteht aus robusten Stahlbecken, die Pförtnerloge ist im Neubau hinter Aluminiumschiebefenstern abgetrennt. Ohnehin ist das Gebäude des nachts nicht geöffnet, tags von Vereinen bespielt – ein sicherer Ort.

Die neue Kombination des offenen Sport- und Spielangebots mit einer stärker begleiteten und enger auf die Bedürfnisse und Vorlieben der Nachbarschaft abgestimmten Programmierung, scheint zu fruchten. Graal haben eine beiläufig daherkommende Architektur entwickelt, die, gerade weil sie zurückhaltend auftritt, geeignet ist, den Ort zu bereichern: „Wir wussten, dass die Fassade besprayt werden würde“, sagen sie. Entlang der kleinen Seitenstraße, zu der Dojo und Boxraum ausgerichtet sind, haben sie deshalb eine Betonwand als Leinwand angeboten. Die mittlerweile dort prangenden bunten Tags und Throw-Up verankern die Sporthalle – sie wachsen über die Fassade, so wie Löwenzahn aus den Fugen zwischen Pflastersteinen hervorbricht und das Neue ins Bestehende aufnimmt.