eröffnungsrede für

SYMMETRISCHE IRRFAHRTEN MIT FESTER SCHRITTWEITE
von NORA OLEARIUS

11.04. – 11.05.2025 @ Galerie Herold, Bremen

Es ist mir eine wirklich große Freude und Ehre, Sie und euch hier heute in der Galerie Herold mit ein paar Worten hinein ins Universum meiner lieben, geschätzten und bewunderten Freundin Nora Olearius zu begleiten. Sie – kennt ihr vielleicht schon – hat an der Hochschule für Künste Bremen studiert. Mich stelle ich ganz kurz vor: Mein Name ist Josepha Landes, ich bin Architekturjournalistin und Redakteurin beim Magazin Bauwelt in Berlin. 

Nora und ich haben uns 2022 in Olevano Romano bei einer Stipendiatenveranstaltung der Villa Massimo und der Akademie der Künste kennengelernt, wo wir jeweils Freund besucht haben. Bei dieser Gelegenheit haben wir unsere geteilte Leidenschaft für Schaumwein und feinlinierte Karo-Blöcke entdeckt. Noras Präzision! Wie ihr Blick an jenem lauen italienischen Abend mein Notizbüchlein, ein japanisches Design mit höchstens 2 Millimeter Zeilenabstand, streichelte, das werde ich nicht vergessen. Damals kannte ich ihre Arbeit nicht. Das sollte sich ändern, denn ein paar Wochen später lag ein kleiner feiner Katalog in meinem Briefkasten. Das postalische Kommunizieren! Ganz winzig kleine Buchstaben zieren die Postkarten, die Noras Hand aus Urlauben oder auch mal einfach so an mich adressiert. Das alles ist natürlich zuerst einmal Anekdotisches – Stimmungsmache oder Einheizen, sagt man. Ich weiß nicht, ob es das ist, aber mir scheint es interessant zu sein, und auch wichtig, ein bisschen den Menschen zu sehen, der hinter der Kunst steht, oder neben oder mit ihr. Weil der Mensch Nora Olearius ist der Schlüssel zu den Arbeiten, die auf diese Räume verteilt hängen, stehen und sich verteilen. 

Sie finden hier eine hoch analytische Welt. Haarfeine Details und komplexe Rechenwege durchziehen und verknüpfen die Werke. Haarscharfe Logik und akkurate Ästhetik zeichnen sie aus. Es gibt ja dieses Buch „Kunst aufräumen“ – das ist ein Joke. Aber Nora macht wirklich aufgeräumte Kunst. Sie verstrickt sich im Geflecht der Zusammenhänge zwischen den Dingen, knobelt und vollzieht nach und gibt vor, zu verstehen. Wir alle wollen verstehen und wie vermessen ist das: die Welt verstehen. Nora gibt vor, sie so ordnen, dass es möglich wird. In ihren Arbeiten legt sie Gründe und Ahnungen frei. Sie sagt Planung und meint Zufall und generiert so etwas wie Zufall. Ein Zufall, der dann natürlich keiner mehr ist. Sie ist fasziniert von den Traumgebilden des menschlichen Kontrollwahns, den reinen Formen und getrieben vom Drang, zu systematisieren. Sie nimmt das Kategorisieren ernst, und doch haben ihre Ansätze bisweilen etwas fast Karikierendes. Sie treibt die Akkuratesse auf die Spitze. Ihre Arbeit ist ernst und dabei von subtilem Humor. Ich sehe in jeder Linie, jedem noch so feinen Strich die Hingabe, mit der sie das Element aus sich in ein Medium überführt. 

Hier in der Symmetrischen Irrfahrt mit fester Schrittweite finden wir eine Varianz an Ausdrucksweisen versammelt, die auch Noras Ehrgeiz und ihre Neugier verdeutlichen. Sie ist keine Malerin, keine Medienkünstlerin, keine Autorin, keine Performerin, keine Bildhauerin, aber sie ist von alldem, wenn es nötig ist, um ihrem Anliegen am nächsten zu kommen. 

Diese ganze Ausstellung halten – wie sie vielleicht schon gesehen haben, oder aber noch sehen werden – auf dem Boden liegende Kacheln zusammen. Sie sind der performative Teil dieser Schau: als random walk verbinden sie die Exponate. Der random walk verschränkt zwei Obsessionen von Nora: Da ist zum einen, in der wörtlichen Übersetzung, der zufällige Spaziergang. Das Schlendern oder Schreiten, sich treiben lassen, entdecken. Zum anderen aber – und davon leitet sie den Titel tatsächlich ab – ist der random walk ein mathematisches Modell für eine Verkettung zufälliger Bewegungen, eine stochastische Begrifflichkeit. 

Die Lehre vom Zufall oder vom scheinbar zufälligen durchzieht und charakterisiert ihr Werk. Da wäre das Quick Tipp Castel, eine Arbeit mit dem Ready-Made „Puzzle“. Wir sehen fünf Rahmen mit den Teilen von fünf Puzzles, die Schloss Neuschwanstein in verschiedenen Perspektiven und Atmosphären zeigen. Die Faszination für dieses verrückte Schloss trägt Nora schon lange, in einer früheren Arbeit hat sie sich das Schloss über das Prinzip „Malen nach Zahlen“ erschlossen, Farbgewichte extrahiert und in Tabellen sortiert. Vielleicht geht es hier auch immer um den Wirklichkeitsgehalt von Fabelhaftem. Das Utopische an diesem Schloss, die Besessenheit seines Erbauers, die Verzückung der Touristen, das Clichéehafte, mit dem es insbesondere infolge der Überformung durch Disney beladen ist, sind es, was in diesen Spaltungsansätzen durchsiebt wird. Des Puzzles nicht genug ergänzt Nora in diesem Fall noch ein zweites Entschlüsselungsprinzip: Das Glücksspiel. Teile der Puzzles sind nämlich auf Grundlage eines Zufallscodes vertauscht. Ihren nummerischen Wert spielt Nora im Eurojackpot und – so die Ansage: „Wenn ich gewinne, kaufe ich mir ein Schloss.“ Wir sehen hier also eine Überkreuzung aus Zufall und Hartnäckigkeit: Das Puzzle als per se lösbares Rätsel und das Glück des Spiels als undurchdringbares, irgendwie zwar berechenbares, aber doch ins unendliche sich fortsetzendes Eventuell.

An dieses Eventuell knüpft auch das eingangs zu sehene Tombola-Gewinnspiel an. Sie können eine Niete gewinnen. Kaufen Sie ein Los! Nora rührt die Jahrmarktstrommel. Post-It-Zettel auf einem Standard-Wandkalender zeigen das Tohuwabohu eines Rummelplatzes in zeitlicher und illusorischer Dimension. Die Arbeit bringt auch einen Aspekt in diese Ausstellung ein, der mein Architektur-affines Herz höherschlagen lässt: den des Städtischen. In Noras Portfolio findet sich eine Arbeit über Planstädte, die in der heutigen Konstellation zu weit führen würde, die ich allerdings nicht unerwähnt lassen möchte, weil sie als Passstück hilft, Tivoli zu verstehen: Auch hier ist nämlich wieder das absurde Versuchen unserer Spezies thematisiert, die Welt, die Menschen, die Töne und Lichter ordnen zu wollen. Die Stadt als permanente oder als zeitweilige Realität zu verstehen, macht einen Unterschied. Ein Rummel besetzt eine Stadt, stört oder bereichert das Gefüge, hat seinen zugewiesenen Platz, und ist doch zügellos, übertönt und jault. Nora ist lärmempfindlich, aber Nora liebt Rummelplätze. Nora ist gern im Licht der Achterbahnen, Karusselle, Losbuden. Und dann entsteht aus diesem Durcheinander eine neue Geradlinigkeit, eine bäm-in your face Struktur des Unstrukturierbaren.

Die Welt spricht zu ihr und sie verleiht ihr Sprache. So auch bei den Leuchtkästen, die hier prisma poems betitelt sind. Ich sehe die Arbeit zum ersten Mal in dieser Form. Nora war lang auf der Suche nach einer passenden Form. Die prisma peoms Installation illustriert hervorragend die Verknüpfungen zwischen einzelnen ihrer Werke. Die Gedichte, sie erinnern mich an Haiku, entspringen Noras Interesse an Plansprachen – auch hier also gibt es eine Rückkopplung zum Thema des Planvollen und wiederum gibt es einen Bezug zu, eine Projektion auf die Stadt. Die Leuchtkästen von prisma poems imitieren das Kölner Herkules-Hochhaus. Über Nächte hinweg hat Nora die Konstellation der leuchtenden Fenster festgehalten, um ihnen in einem nächsten Schritt Worte zuzuordnen – die einhundert meistgeschriebenen Worte der deutschen Sprache. Die Gedichte selbst sind von einer abstrakten Instanz erzeugt worden. Was man in ihnen liest hat keine Intention, verbildlicht aber, dass Bedeutung bei der Rezeption entsteht. Die Bewohner des Hochhauses haben durch ihre Anwesenheit im Haus, Gedichte in die Stadt projiziert. Und dann gingen sie schlafen.

Wie sie geschlafen haben, lässt sich nicht sagen. Wie aber Nora geschlafen hat, in 360 Nächten, das hat sie in der letzten, neusten Arbeit nachvollzogen, die hier in vier nach den Himmelsrichtungen geordneten kleinen Metallbetten zu sehen ist: dem sleeping archive. Sie können sich die Mühe machen, die Koordinaten abzuklappern, der Position des Kissens den Blick am Morgen nachempfinden – schweift er übers Meer? Blitzt die Sonne ins Gesicht? Die Reise führt um die Welt, um die ganze. Ist es Zufall, in welchem Bezug zum Raum wir schlafen? Wie wir unsere Betten stellen? Oder hat es wiederum mit den Häusern, den Straßen, den Städten zu tun, in denen wir leben, die uns prägen, bis hinein in die Träume? Sind wir in den Plänen der anderen gefangen? 

Mein eigenes Bett ist dabei, und meine Couch. Ich finde das spannend, nun also zu wissen, in einem Kunstwerkableger die Lider zu schließen. Vorerst aber möchte ich sie weit öffnen und diesen Abend genießen. Ich bedanke mich sehr bei dir, Nora, für die Einladung, bei der Galerie fürs Möglichmachen dieser Schau und bei Ihnen allen fürs Kommen. Frönen wir also nun der gemeinsamen Leidenschaft für Schaumwein und fein linierte Karos!