ESSENZ DES MATERIELLEN
Harquitectes sind in Katalonien verwurzelt. Die Architekten aus Sabadell perfektionieren die mediterrane Bautradition und überführen bewährte Prinzipien in die Moderne. Ein Portrait in vier Bildern
Harquitectes gründeten sich im Jahr 2000 in einem Garnladen. Bis heute arbeiten sie in Sabadell, einer durch die Textilindustrie gewachsenen Mittelstadt, zwanzig Kilometer nördlich von Barcelona – in der Área Metropolitana. Eine der beiden Architekturschulen des Ballungsraums, die Escuela Técnica Superior de Arquitectura (ETSAV), an der die vier Gründungspartner Josep Ricart, Roger Tudó, Xavier Ros und David Lorente studiert haben, liegt auf halbem Weg zur katalanischen Hauptstadt in Vallès. Ricart und Tudó unterrichten dort, Ros lehrt an der innerstädtischen Fakultät Escola Tècnica Superior d’Arquitectura de Barcelona (ETSAB).
Das Büro nutzt seit dem vergangenen Herbst Räume in einem ehemaligen Manufakturgebäude im Stadtzentrum von Sabadell. Die frühere Zweckbestimmung des dreigeschossigen Hauses am Carrer de la Indústria – der Industriestraße – kennt heute niemand mehr. Offene Kappendecken aus Ziegeln und kräftige Stahlwinden lassen die Vergangenheit atmosphärisch im Büro weiterleben. Um Authentizität geht es den Architekten auch in all ihren Projekten, die hier an einem langen Tisch mit 22 Arbeitsplätzen und in akribischer Modellbauarbeit entstehen. „Unsere Projekte befinden sich hauptsächlich in der Region“, erklärt Xavier Ros, „weil wir hier alles verstehen und kontrollieren können. Wir kennen die Kultur, die Regelwerke und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.“
Winzerei Clos Pachem
Trotz ihrer regionalen Ausrichtung haben Harquitectes auch international Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Die Liste der errungenen Preise ist lang, u.a. erhielten sie 2023 für ihre Winzerei Clos Pachem den Erich-Mendelsohn-Preis für Backsteinarchitektur. Für das Projekt, etwa anderthalb Autostunden von Barcelona entfernt, hat das Planungsteam ein ausgeklügeltes System zur Klimatisierung entwickelt: Das Ziegelmauerwerk besteht aus mehreren Schichten, zwischen denen Luftkammern freigelassen sind – zur Südseite fünf, zur Nordseite drei. Die Raumtemperatur bleibt durch den so angeregten und genutzten natürlichen Luftstrom ganzjährig relativ stabil. „Das Gebäude besteht aus dem großen Raum für die Weintanks und einem gestaffelten Freiraum“, erklärt Ros. Dachbegrünungen und Wasserbecken wirken zudem der Trockenheit im Außenraum entgegen.
Harquitectes arbeiten mit klaren und oft traditionellen Mitteln des Bauens, als Vorbild nennen sie zuallererst das vernakuläre Bauen des Mittelmeerraums. Irdene Baustoffe und Elemente wie Loggien oder Galerien haben sich dort bewährt – sie helfen, Räume kühl zu halten. „Mit Ziegel arbeiten wir in Katalonien, weil es ein für die Region typisches Material ist“, sagt Ros. „Die Handwerker können gut damit umgehen, es erfüllt die Anforderungen des mediterranen Klimas.“ Doch die Planer scheuen auch nicht davor zurück, die Vorzüge anderer Baustoffe weiterzudenken. In der zähen Diskussion um das Bauen mit Beton beziehen Harquitectes eine pragmatische Position: Nach zehn Jahren, in denen viele Ziegelbauten über ihren Tisch gingen, arbeiten sie nun wieder vermehrt mit dem derzeit eher umstrittenen Baustoff – dessen Nachteile sie ebenso in ihre Abwägungen einbeziehen wie seine Vorzüge.
Gestalterisch reihen sich die Architekten aber auch in die moderne Tradition ein. Anklänge von Sigurd Lewerentz‘ Handschrift zeigen sich insbesondere in der sakralen Anmut vieler ihrer Projekte: Der Umgang mit Backstein ist ähnlich selbstbewusst in der Fläche und bedacht im Detail. Harquitectes gehören zu den Architekten der Gegenwart, die – ähnlich einem Peter Zumthor – nach dem Wahrhaftigen und Essenziellen der Materie streben. Sie setzen Stein auf Stein und nennen das Resultat unprätentiös „Mauer“ oder „Wand“. Sie rücken die Steine auseinander, und was so entsteht, ist – ganz schnörkellos – ein Fenster oder ein Luftspalt. Wo Materialien aufeinandertreffen, entsteht selbstverständlich eine Fuge. Nichts wird überstrichen oder verunklart. Ihre Projekte reagieren auf die Möglichkeiten und die Anforderungen von Ort und Bauaufgabe mit Mitteln, die nicht erfunden und nur selten entwickelt, sondern meistens erinnert werden – Handwerkliche Grundlagen, die sie ins Jetzt heben, typologische Kniffe, die sobald sie umgesetzt sind, zwar einleuchtend scheinen, aber eben nicht auf der Hand lagen, ehe man sich ihrer gewahr wurde. Insofern verwundert nicht, dass sie die Arbeit von Lacaton & Vassal als Referenz heranziehen.
Wohnungsbau Mallorca IBAVI
Ein sozialer Wohnungsbau, den sie vor zwei Jahren für das Instituto Balear de la Vivienda (IBAVI) in Palma de Mallorca realisierten, ist erkennbar an Jørn Utzons mallorquinische Villa „Can Lis“ angelehnt. Während Utzon auf den traditionellerweise vor Ort verwendeten lokalen Marés-Sandstein setzte, arbeiteten Harquitectes mit einem eigens entwickelten Hybridbaustoff, den sie bei diesem Bauvorhaben zum dritten Mal eingesetzt haben (zuvor in kleineren Projekten): Das Abbruchmaterial des zu ersetzenden Altbaus ist in das neue, „Limecrete“ genannte Material des Mauerwerks eingearbeitet. Von den Fliesen bis hin zum Naturstein der alten Konstruktion wurden die Materialien des Bestands sortenrein getrennt und anschließend zerkleinert. Das keramische Geröll und der Beton-Abbruch fanden im Fundament Verwendung, während die Sandsteine den besagten Hybridbaustoff zu gutem Teil ausmachen: Als Brocken mit Durchmesser von bis zu dreißig Zentimeter sind sie charakterprägend für das Material. Sie wurden vor Ort mit Zement und Kalk zu Platten von vier mal vier Metern vergossen, aus denen eine Kreissäge schließlich Blöcke unterschiedlicher Formate schnitt: 135 Zentimeter lang, 42 Zentimeter hoch und von Dicken zwischen 34 und 64 Zentimetern. Diese Steine bilden die Fassade und das Tragwerk: Lotrecht zur Außenmauer stehende Mauern, die sich von Geschoss zu Geschoss um je zehn Zentimeter verjüngenden und über denen Holzbalkendecken spannen.
Ob die Steinbrocken im Limecrete noch als Zuschlag gelten dürfen, oder der Beton vielmehr als Bindemittel zu bezeichnen ist, liegt im Graubereich der Betrachtung. Optik, Haptik und klimatische Qualität des synthetisierten mineralischen Werkstoffs überzeugen: Die Quader, deren Oberfläche von den Schnittflächen des Natursteins geprägt sind, bilden das Antlitz des aus 25 Apartments bestehenden Eckhauses. Jede der Wohneinheiten ist durchgesteckt – hat also einen Garten- und einen Straßenblick. „Die Auslobung hatte eigentlich ein Holzhaus vorgesehen“, erinnert sich Ros, „aber Naturstein ist seit Jahrhunderten das Material der Wahl auf den Inseln.“
Nachhaltigkeit definieren Harquitectes über Langlebigkeit und Zweckmäßigkeit einer Architektur und jedes Materials. Trends liegen ihnen fern. „Die thermische Speicherfähigkeit von Beton ist exzellent, und das ist es, was Gebäude in unseren Breiten brauchen“, kommentiert Ros ihre Entscheidung für den Verbundbaustoff. Den Abbruch einzuarbeiten, lässt zudem die Geschichte des Ortes fortbestehen. Zudem ähnelt der Limecrete dem Prinzip eines Terrazzo: Gleich diesem verleiht er dem Projekt Eleganz.
Antonì Tapies Kunstdepot
Auch bei einem ihrer jüngsten Projekte, dem Depot für die Sammlung Antoni Tàpies im Herzen Barcelonas, nutzen Harquitectes die Vorzüge des Betons, seine Wandlungsfähigkeit und seine Masse – nicht ohne einen dem Ort entsprechenden Feinschliff zu bedenken. Auch diese Aufgabe verlangte nach einer klimatisch stabilen Umgebung, ebenso wie nach einer anmutigen Erscheinung. Sie setzten daher, unterstützend zur Haustechnik, auf Lehm als klimastabilisierenden Materialanteil im Zementgemisch der Böden.
Das Depot ist als sicherer Aufbewahrungsort für den Gemälde und Skulpturen umfassenden Nachlasses des 2012 verstorbenen Künstlers gedacht. Der von der Familie initiierte Eingriff umfasst das gesamte Unter- und einen Teil des Erdgeschosses eines eklektischen Gusseisenpalasts aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert im Stadtteil Eixample. Die Architekten öffneten zur Straßen- und zur Hofseite hin jeweils eine Partie der Kellerdecke aus Kappengewölbe. So entstanden zwei doppelhohe Räume, deren einer als Entree und Lese- oder Sichtungsraum dient. Diesem ist seitlich das Skulpturenlager angeschlossen. Auf IPE-Trägern gelagert überdeckt eine Metallkastendecke den Raum und lässt nur über schmale Fugen an den Seiten eine dezente Belichtung zu. Das Tageslicht fällt auf eine Treppe, die entlang der Bestandsfundamente nach unten führt. Lehm und sandiger Zuschlag im Beton verleiht den Stufen und der Breitseite eine raue Oberfläche und rötliche Färbung. Das Material ergänzt die Körnigkeit der anschließenden Bauteile: Es vermittelt zwischen dem kleinteiligen Natursteinmauerwerk der Stützwände und der glatten Oberfläche und repetitiven Logik der aus dem Altbau fortgeführten Partien von Ziegelmauern. Grobes und Feines, Ähnliches und Varianten sind in diesem nur schwach und vor allem mit Streiflicht inszenierten Raum collageartig verbunden. Im rückwärtigen Gebäudeteil leitet eine gleichermaßen ausgeführte Treppe nach oben in den Gemäldefundus. Dieser Raum ist als Blackbox ausgebildet.
Ros spricht vom Authentischen, wenn es um Materialwahl geht. Und auch was das Portfolio betrifft, ist dem Büro augenscheinlich daran gelegen, keine Luftschlösser zu bauen. Derzeit ist zwar auch ein Projekt in Antwerpen im Entstehen begriffen – ein Wohnungsbau –, Ros räumt allerdings ein, dass er und seine Kollegen dabei vertrauensvoll mit dem lokalen Büro WITH20 zusammenarbeiten. „Wir hatten ein sehr erfolgreiches Jahr“, resümiert der Architekt. „Derzeit arbeiten wir an fünf privaten Aufträgen – Häuser in verschiedenen Planungsphasen. Außerdem haben wir fünf Wettbewerbe gewonnen: zwei Bibliotheken, das Museum für Katalanische Kunst, das Zentrum für Digitalkunst und noch ein weiteres städtisches Projekt. Darüber hinaus ist die Baustelle des MACBA eingerichtet.“
Erweiterung MACBA
Um die besagte Erweiterung des Museu d’Art Contemporani de Barcelona (MACBA) erhitzen sich die Gemüter seit Harquitectes 2021 gemeinsam mit den Baselern Christ + Gantenbein den Wettbewerb dafür gewannen. Ein Konflikt um dieses Museum und seine Einverleibung des Stadtraums besteht jedoch schon länger: Das Museum für Gegenwartskunst war in den neunziger Jahren nach Entwürfen von Richard Meier gebaut worden; die ursprüngliche Idee einer öffentlichen Promenade von Hof zu Hof fand jedoch nie wirklich Umsetzung. Vielmehr, so kritisieren Bürgerschaftsvertreter, habe jede Erweiterung der privat geführten Institution der Stadt öffentlichen Raum entrissen. Nun soll ein neuer Eingangs- und Verbindungsbau am südlichen Rand des Vorplatzes, vis-à-vis des Hauptgebäudes entstehen. Er schließt an eine romanische Basilika an, die bereits heute zu Ausstellungszwecken genutzt wird, und vermittelt rückwärtig zu einem Seminargebäude. Das Projekt umfasst eine unter dem Platz hindurchführende Anbindung an den Meier-Bau.
Der Platz – die Plaça dels Àngels – ist eine seltene Aufweitung in der engen Altstadt und u.a. in der Skate-Community sehr beliebt. „Der Neubau ist ein lichter Arkadengang. Außerdem soll es eine öffentliche Dachterrasse geben“, sagt Ros. Formal orientieren sich die Architekten an der kleinen Klosterkirche, auch ihr Entwurf strebt himmelwärts und soll aus Ziegel bestehen. Dennoch, die zum Springen und Schrammen beliebten Höhenversätze werden einer Ebene weichen. Zu hoffen bleibt, dass die Idee, einen ober- und unterirdisch fließenden Raum zu erzeugen, mindestens hilft, die bislang eher sinistere Ecksituation des Platzes aufzulösen.
Harquitectes sind Teil des aufregenden und teils aufgeregten Architekturkreises von Barcelona. Sie blicken ein wenig aus der Distanz von der Hügelkette der Collserola-Berge auf die Stadt. Und sie sind etablierter als viele, die derzeit im Baugeschehen Kataloniens ähnlich hochwertige Akzente setzen. Die erste Generation an Architekten und Architektinnen, die bei Harquitectes in die Lehre gingen, konnte ihren Berufseinstieg nur in den wenigsten Fällen in Spanien wagen – nach 2008 traf die Krise die Absolventen hart. Aber einige kehrten zurück, nachdem sie in England, Deutschland oder den Niederlanden debütiert hatten. Nun boomt die Entwicklung in Barcelona, im kommenden Jahr gastiert der Internationale Architektur-Kongress UIA. Harquitectes sind tief mit der lokalen Bautradition verwurzelt. Ihr Beitrag für die örtliche Baukultur ist ein stabiler: Sie können die Stadt und die Region vom Gestern über das Heute ins Morgen denken.