Bauwelt 22.2024
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KATALANISCHES INTERMEZZO
Für zwölf Wochen bespielt die nomadische europäische Kunstbiennale „Manifesta“ pittoreske Stätten der Metropolregion Barcelona. Industrie- und Kulturgeschichte stehen der aktuellen Stadtentwicklung, Gentrifizierung, Touristifizierung und Eventisierung gegenüber.
Der Garten ist idyllisch. Plüschig anmutende Pinien, gewachsen über Jahrzehnte – sind sie vielleicht sogar hundert Jahre alt?, – beschatten die von fünf sanften Vouten bedachte Casa Gomis – in Barcelona ist die Villa als „La Ricarda“ bekannt. Ist der Garten idyllisch? Die Zikaden werden in engen Abständen von den Düsen der Jets übertönt, die Touristen, Reisende, Einheimische in die Katalanische Hauptstadt bringen. Er liegt in der Einflugschneise des Flughafens. Das Haus, gebaut nach Plänen von Antoni Bonet Castallana in den Jahren 1949 bis ’63, kann unmöglich mehr als Wohnhaus dienen – es ist ein Museum und Ausstellungsort der in diesem Jahr in „Barcelona Metropolitana“ gelandeten Manifesta 15.
Was ist sie selbst, diese Europäische Kunstbiennale? Touristin, Reisende oder Einheimische? Die Frage stellt sich alle zwei Jahre aufs Neue, und in diesem Jahr ist sie so schwer zu beantworten wie in den vorangegangenen – Pristina, Marseille, Neapel usw. Sie möchte so gern einheimisch sein. Leider aber muss man ihr das einmal mehr absprechen. Und Barcelona, eines der Sinnbilder des Overtourism, braucht nicht einmal mehr Anreiz für Reisende, den ein Event wie dieses unweigerlich generiert. Da können die Veranstalter noch so vehement auf den Anspruch verweisen, es gehe dieser Schau, die bis zum 24. November läuft, darum, die Metropolregion zu bespielen. So unschön es klingt, die Manifesta nebst Gefolgschaft sind Touristinnen.
Das Event ist um drei „Cluster“ angelegt, die jeweils einen Randbezirk bzw. eine Umlandgemeinde bespielen: Casa Gomis ist als „Main Venue“ Teil des Clusters „Balancing Conflicts“ in Llobregat, gelegen südwestlich der Stadt, zwischen Flughafen und Wochenendstrand. Das Cluster „Cure and Care“ verbindet im Norden, jenseits der Collserola-Bergkette, die Orte Terrassa, Sabadell, Sant Cugat del Vallès und Granollers. „Imagining Futures“ bespielt entlang der Küste im Osten, durch den Fluss Besòs von der Metropole getrennt, Veranstaltungsstätten in Sant Adrià de Besòs, Sant Coloma de Gramenet, Badalona und Mataró. Einzig das Festivalzentrum befindet sich im Stadtzentrum, mit einer als Archiv angelegte Schau im ehemaligen Verlagshaus „Gustavo Gili“.
Ein Besuch lohnt sich, so denn ohnehin eine Reise nach Barcelona geplant ist, insbesondere der Orte halber, in denen die Kunst ihren Raum findet. Da zwischen diesen jedoch erhebliche Distanzen zu überbrücken sind, formuliert die Manifesta tatsächlich eine Aufforderung zur Automobilität: „We highly recommend that you rent a car“; selbst innerhalb der Cluster ist die Fortbewegung ohne schwierig.
Neben der Casa Gomis und dem Verlagshaus verdient das Hauptevent von Imagining Future besondere Aufmerksamkeit. Wer nur einen Tag Zeit hat, nur eine Veranstaltungsstätte aufsuchen möchte oder kann, dem seien die „Drei Schornsteine“ in Sant Adrià de Besòs wärmstens ans Herz gelegt: Sie sind Überbleibsel eines Heizkraftwerks, das in mehreren Ausbaustufen einerseits Fortschritt, andererseits Gefährdung für die Bevölkerung der angrenzenden Nachbarschaften darstellte und so in gewisser Weise als Symbol des vergangenen Jahrhunderts herhält. Das Gelände ist üblicherweise nicht zugänglich, im Ausstellungszeitraum sind alle vier Ebenen der auf den Rohbau reduzierten Anlage sowie das kahle Areal besetzt. Einige Kunstwerke sindso raumgreifend, dass von architektonischem Bezug die Rede sein darf. Insbesondere fasziniert die in der Maschinenhalle wehende Installation aus weißen Stoffbahnen von Asad Raza. Sie ist einerseits eine Anlehnung an die vom Kraftwerk verursachte Verschmutzung der Gegend, die sich ganz materiell als Dreck an den Laken der Arbeiterhaushalte niederschlug. Andererseits spielt der Künstler auf den Scirocco-Wind Nordafrikas an, der übers Mittelmeer weht und die Kontinente verbindet. Diese „Choreografie“ meistert die Vereinfachung komplexer Bezüge.
Thematisch schlagen viele Venues große zeitliche, geografische und thematische Bögen. Nicht nur Spanien allgemein, sondern auch Barcelona als zweitgrößte europäische Textilstadt der Industrialisierung ganz konkret, ist dicht verwoben mit Kolonialismus. Gerade die Ausstellungen zu Cure and Care legen den Finger auf die Baumwolllieferungen aus okkupierten Regionen. Das Städtchen Sabadell entstand um seine Webfabriken. Das Kuratorenteam der Manifesta unter Filipa Oliveira lässt eine dieser Fabriken, die unterdessen aus der Funktion gefallen ist und als Kulturzentrum genutzt wird, von Tanja Smeets amorphen Plastiken überwuchern, die halb an Pilze, halb an Stalagmiten erinnern, und so auch an die Bezüge von lebendiger, natürlicher und kultureller Umwelt rühren.
Zu guter Letzt bieten sowohl La Proxada, eine Marktüberdachung, und ein Bunker in Granolles, die von Félix Blume beziehungsweise MASBEDO (auf der Plaça Josep Maluquer i Salvador, im Ausstellungskatalog nicht verzeichnet), Anhaltspunkt, die spanische und europäische Geschichte der jüngeren Vergangenheit zu bedenken. Blumes Soundinstallation erinnert an die Bürgerkriegsgeschehnisse vor Ort, die immersive Performance im Bunker ist nichts für schwache Nerven und verbindet den spanischen Bürgerkrieg, Bombardierungen, die das Raum-Zeit-Kontinuum aufweichen, und Technobeats, die Überlebenswillen ausdrücken und aktuellen Bezug zur Lage in der Ukraine aufnehmen.
Auch ein Abstecher zum Gefängnis von Mataró, das heute ein Kulturzentrum ist, bedient diesen Schwerpunkt. 1863 von Elies Rogent gebaut, war es das erste Panoptikum Spaniens. Dem Franco-Regime diente es bis 1967 zur Inhaftierung politischer Gegner. Es steht im Zentrum der Ortschaft, umgeben von Wohnhäusern, gleich an der Hauptstraße. Eine Intervention von Domènec zerschneidet den halbrunden Innenhof mit einer Mauer, Verweis auf die ursprüngliche Trennung in Frauen- und Männertrakt. Zugleich berührt diese Trennung nicht das Mauerwerk – es bleibt Luft, Hoffnung, Distanz? Die begleitenden, unkommentierten und nicht bezeichneten Plangrafiken verschiedener Formen von Camps, die der Künstler als Bautypus des 20. Jahrhunderts definiert, ziehen eine Linie der Grausamkeit über den Kontinent, von Dachau bis Sevilla. Und es gibt sie noch oder wieder, wenn auch andernorts oder in anderer Form.
Die Manifesta ist eine Kulturtouristin, sie bringt Besucher zu Künstlerinnen an unerwartete, ungesehene, unbekannte Orte – wie etwa zu Eva Fàbregas’ runzeligen Bojen, die manch einer in Institutionen wie dem Hamburger Bahnhof in Berlin gesehen haben mag. Natürlich verleiht ihnen das enge Gefängnistreppenhaus, verleihen ihnen die beängstigend dunklen Zellen ganz eigene Magie und Denkanstöße. Wie aber die Banner in den schattigen Straßen Sabadells so über den Köpfen der plauschenden Alten flattern, fällt die Vorstellung schwer, dass die Ausstellungen, ja sogar die Event-Wochen zur Animation der Bevölkerung so richtig für diese Bevölkerung ausgelegt sind. Die Manifesta ist ein Schwarm, und sie wird es wohl auch bleiben, wenn sie 2026 an der Ruhr einfliegt.
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