Nora Olearius: Residence III

Wo beginnt der Plan, und wo endet das Chaos? Wo endet der Plan und kommt endlich das Chaos zum Zug? Die Ordnung als Versuch, die Unberechenbarkeit der Umwelt zu meistern, die spontane Entwicklung vorwegzunehmen und zu kompensieren, ist ureigenes Prinzip menschlichen Wesens und Siedelns. Eine Behandlung von Planstädten muss also weiter zurückgreifen als auf die Kumulationen dieses Anspruchs auf ein Gewaltmonopol, wie sie die von Nora Olearius behandelten Beispielstädte darstellen. 

Schon die Anordnung von Wohnstätten und Gemeinschaftsflächen früher Völker in allen Regionen der Welt, ob auf Stetigkeit oder baldiges Abbauen ausgelegt, folgt ihrer jeweils spezifischen, funktional begründeten Ordnung. Erst wenn der Plan als Zeichnung, als zugrunde gelegtes und dem Bauwerk vorangestelltes Raster verstanden wird, geht es um die Verbotene Stadt, Hippodamos oder das Römische Feldlager, aus denen, entlang Cardo und Decumanus, herleitbare Stadtgrundrisse wie jene von Peking, Neapel oder Speyer resultieren. Erst im vorgezeichneten Plan wird Herrschaftsanspruch zur definierenden Funktion. Eine Planstadt muss übersichtlich sein, regulierbar und kontrollierbar. Die Frage ist, ob aus sich heraus – also die Stadt den Bewohnern –, oder für eine Instanz außerhalb ihrer selbst – die Stadt den Herrschenden. Eine Planstadt ist zuvorderst letzteres.

In den hier gezeigten Abbildern von Karlsruhe, Brasilia und New Cairo wird nichts Geringeres sichtbar als die kontrollierende Hand, die politische wie auch ökonomische Macht über einen Ort zu einer Zeit. Die Auswahl der Städte spannt den Bogen zwischen, jedes auf seine Art, repressiven Systemen und damit einhergehenden Phänomenen, von Absolutismus über Kolonialismus bis zum Hyperkapitalismus der Gegenwart. Die Beispiele schlagen die Brücke aus der Vergangenheit in die Zukunft. Die Perspektive der Bewohnenden rückt sie von Jahrhundert zu Jahrhundert stärker in den Hintergrund. Die Planausschnitte mit ihrer teils vollends von natürlichen Bedingungen losgekoppelten Geometrien, spitzen das Thema zu bis zur kompletten Auflösung im Abstrakten. 

Die Ebenen, aus denen Stadt zusammengesetzt ist, in die sich das Leben aufdröseln und zurückführen lässt, beschränken sich in den Siebdrucken auf drei Farbtöne, die allein der genutzten Grundlage entspringen – der virtuellen Umwandlung der Welt durch die Software von Google Maps. Der Plan als – einst am Reißbrett vektoriell entwickeltes – Kontrollinstrument wird hier rückgespiegelt und ad absurdum in konsumierbare, pixelhafte Teilchen und farbliche Zuweisungen zerlegt. Die Bindung von Realem an das Betrachtete geht nurmehr auf bekannte Kodierung und verinnerlichte Dechiffrierung zurück. Was von den Städten bleibt, ist ein grafischer Versuch, Unwägbares zu beurteilen. Fast ist es, als wäre die eine die andere Stadt, und dabei bleibt jegliches Belebtsein außer Acht. 

Die Planstadt-Konstellation fügt sich in eine systematische Forschung der Künstlerin, deren Fragmente sich jeweils als Versuche deuten lassen, die Unbeirrbarkeit des Zufalls in vorsätzlich perfekten Systemen kenntlich zu machen. Die Frage der Passgenauigkeit und die Reibungsflächen zwischen Schablone und Gegebenheit erzeugen in ihrer Arbeit Klänge, Figuren, Skulptur oder Grafik. Die Planstädte sind zwar keine direkte Fortführung der von Olearius entwickelten kristallinen Plansprache, weisen jedoch parallele Ansätze auf und verhandeln wie diese den Einfluss unbekannter Variablen auf ein als statisch angenommenes Ganzes. Ebenso wie Sprache bedarf Stadt der Einflussgrößen Zeit und Akteur – ebenso wie Sprache ist Stadt ein planvoll chaotisches System. 

zwischen Schablone und Gegebenheit erzeugen in ihrer Arbeit Klänge, Figuren, Skulptur oder Grafik. Die Planstädte sind zwar keine direkte Fortführung der von Olearius entwickelten kristallinen Plansprache, weisen jedoch parallele Ansätze auf und verhandeln wie diese den Einfluss unbekannter Variablen auf ein als statisch angenommenes Ganzes. Ebenso wie Sprache bedarf Stadt der Einflussgrößen Zeit und Akteur – ebenso wie Sprache ist Stadt ein planvoll chaotisches System.