Nora Olearius: Poesie der Großstadt
Die Annahme, das menschliche Denken sei herausragend, unbezwingbar durch technische Replika, stützt sich auf ein Überzeugtsein vom Phänomen der Beseelung. Lyrik dient in dieser Arbeit der Dekonstruktion ihrer selbst als dahingehende Referenz. Nicht ein dichtendes Hirn entwickelt hier auf obskuren Pfaden Naheliegendes, Reime oder angebliche Sinnfälligkeit – an seine Stelle tritt eine Zusammenwirkung der abstrakten Regeln der Künstlerin mit den konkreten Regeln der Stadt. Die scheinbar absurden Wortreihung der Gedichte enthalten eine dadaistische Logik, die (beinahe) alles Subjektivierenden entbehrt. Als Matrix der Wortskulpturen dient das Kölner Herkules-Hochhaus, das die Grafiken, bereits zur Tabelle gerastert, darstellen. Die Verse haben die Bewohnenden durch ein- oder ausgeschaltetes Licht, abgebildet als Farbfelder, vorgegeben. Die Gedichte sind ein wenngleich unbewusster, so doch kollektiver Ausdruck. Die Variablen des Anwesend- und Wachseins lassen Rückschlüsse zu auf Gewohnheiten und gemeinschaftliche Rahmenbedingungen der Bewohnerschaft. Wenn auch die Belegung einzelner Fensterfelder durch dieses oder jenes Wort auf die Zuweisung der Künstlerin zurückzuführen ist, wohnt dem Resultat doch eine objektive Aussage inne. Ebenso stark wie ihre Dekonstruktion ist auch die Bekräftigung der lyrischen Form durch diese Gedichte: Da nur das System, nicht aber ein inhaltliches Anliegen hinter den Abbildungen stehen, sind die Gedichte ganz und gar aneignungsoffen und somit poetisch. Die Herkules-Gedicht-Reihe basiert auf Olearius‘ Kristallsprache.
Kristallsprache
Wie frei ist der Mensch, sich auszudrücken? Die Zufälligkeit, Beeinflussbarkeit und ihm gegebenen Ausdrucksmittel betten alles zu Sagende, Fühlende, Wahrnehmbare in einen Rahmen, der über Zeiten und durch die mit den Jahren einhergehenden Konventionen gestaltet wurde. Sprache als Medium des vom Ich zum Wir-Werdens spielt dabei eine wirkmächtige Rolle, wie sich explizit in der Debatte um die Notwendigkeit gendergerechter Ausdrucksformen zeigt. Sprache ist beladen mit Bedeutungen, einige wandlungsfähig, andere starr und schmerzhaft. Der beiläufigen oder aktiven Bearbeitung existierender Sprachsysteme, stehen verschiedentliche Versuche gegenüber, gänzlich neue, Plansprachen, zu entwickeln. Olearius‘ Kristallsprache spiegelt den in ihrer Arbeit durchgehenden Grat wider, in der anscheinenden Zufälligkeit Regelmäßigkeit und Abhängigkeiten zu entdecken. Die Worte ihrer Kristallsprache setzten sich aus Silben zusammen, die den Regelmäßigkeiten des kristallinen Wachstums folgen. Objektive und subjektive Entscheidung, Silben zu Worten, Worte zu Sätzen und Sätze zu Bedeutung werden zu lassen, verharren in einer Sphäre zwischen Belebt und Unbelebt, in deren Zusammenspiel erst die Welt lesbar wird, wie wir sie kennen. Als Grundlage dient Olearius das „Solresol“, eine Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelte Plansprache. In der Arbeit ihrer konkreten Poesie (siehe Herkules-Reihe), nutzt Olearius das aus dem Solresol entlehnten Farbschema für die Übersetzung ihrer kristallinen Skulpturen in Grafik.
Jahrmarktkalender
Die Stadt, der Ortsbezug, die Stetigkeit, Wachstum oder Schrumpfungsprozesse. An sich untrennbar miteinander verbundene Anhaltspunkte hinterfragt der Jahrmarkt als Stadt in der Stadt auf. Sein System, wandernde Stadt zu sein, bricht zwar mit jenem der dauerhaften, verwurzelten Siedlung, folgt ihm jedoch zugleich auf subtil abgewandelte Art und Weise. Als sei der Jahrmarkt die Gegen-Stadt dreht er für wenige Tage die Lichter, die Sounds, die Erlebnismaschine bis zum Anschlag auf. Dann verharrt sein Instrumentarium, wird auf Lastwagen verladen und bietet Tage später einer anderen die gleiche eskapistische Kulisse wie der eben zurückgelassenen Gastgeberstadt. Dabei bewegen sich mit ihm die Bewohner und Schaustellerinnen, sie leben ein von jenem der Rummelgäste ausgesprochen verschiedenes Raum-Zeit-Kontinuum. Das Augenmerk darauf, wie planmäßig die Mechanismen dieser schrillen und schillernden Ausfluchtstätte dabei ineinander greifen müssen, um die Kirmes funktionsfähig zu halten, bindet den Jahrmarkt in Olearius‘ Beschäftigung mit Planstädten ein. Durch die Verwendung von Post-It-Zetteln, die Ausschnitte von Rummel-Klischees abbilden und auf einem Jahreskalender verklebt sind, beleuchtet die Künstlerin eine strukturelle, und durchaus reale bürokratische Ebene des Riesengaudis.