AFF – Spore

„All das, was kommen wird, hat bereits begonnen.“ Der Willkommensspruch auf der Website von Spore-Initiative bringt das Selbstverständnis des Kunst- und Kulturkosmos, der im Frühjahr 2023 in Berlin-Neukölln sein Haus bezogen hat, auf den Punkt: Die „Spore“ als unvergänglicher Grundbaustein von Lebensformen, die dem Menschen wenig vertraut sind und deren Bedeutung für unsere Lebenspraxis doch zunehmend ins Bewusstsein rückt – Pilze, Einzeller, Algen, Mose –, betitelt diesen Ort vielsagend und relevant. Das Kulturzentrum versteht sich als ein Ort des Austauschs zu Fragen von Natur, Zivilisation und Ungleichheit. Der Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf Mittelamerika. Wenngleich der Architektur die direkte semantische Bezugnahme fern ist, spielen die gestalterischen, konstruktiven und funktionalen Mittel des Bauwerks innerhalb des so angedeuteten Narrativs.

Diese Spore – verstehen wir sie als Keimzelle, Ausgangspunkt für potenzielles Leben, wie sie aus der Blattunterseite von Farnen ausgelassen wird und durch die Luft treibt, ehe sie sich anderswo niederlässt – ist an der Herrmannstraße gelandet. Die von großen Gesten der gründerzeitlichen Stadterweiterung ausgelegte Blockrandstruktur dieses Quartiers wurde über die Jahre kleinteilig überformt. In dem so gewachsenen „Berliner Kiez“ steht der Neubau als selbstbewusstes, im Kontext von Kneipen, mehreren Friedhöfen und Spätis gewissermaßen auch eigenartiges Ganzes. Seine Ganzheit erreicht er an dieser Stelle erst, indem er sich, wie ein vorankriechender Moosteppich, um die Gegebenheiten windet. Die Straßenfront verspringt – gezwungenermaßen, um einem unter Denkmalschutz stehenden Flugfeuermast auszuweichen, denn hier verlief bis zu dessen Schließung am 30. Oktober 2008 die Einflugschneise des Flughafens Tempelhof. Zugleich ist der Versprung gestalterisch wertvoll, um den Straßenraum zu differenzierten Vorplatz- und Eingangssituationen aufzuweiten. Das Gebäude gewinnt durch seine Faltung an Maßstäblichkeit. Die Materialgewalt der massiven und monochromatischen Fassadenschichtung aus rotem Beton und Ziegeln bleibt so zwar erlebbar, droht jedoch nicht auf die Passanten herabzustürzen. In der Sockelzone vermitteln zudem großflächige Verglasungen zwischen Stadt- und Innenraum.

Dass diese Fensterbänder das Erdgeschoss elegant, weil stützenlos umfließen können, verdankt der Bau seiner komplex verwobenen Rippendecke. Das wie ein Gitternetz verlaufende Tragwerk bündelt insbesondere jene Lasten, die über den polygonalen Auskragungen zur Straße hin auftreten, die den Eingangszonen ihre nicht unterfangene Großzügigkeit ermöglichen. Zumal unterstützt durch sich verzweigende Leuchten, wecken die teils symmetrisch spannenden Deckenrippen Assoziationen mit Rhizomen, dem Wurzelwerk von Pilzen. Zwischen ihnen sind zur Verbesserung der Raumakustik feinlinierte „Sauerkraut“-Felder eingelassen.

Netze, Wurzeln, Rhizome – im auf Kohabitation ausgelegten Themenspektrum der Spore-Initiative ist der Rückgriff auf Ansätze und Muster der modernen französischen Denkschule naheliegend. Von der Rhizom-Theorie der poststrukturalistischen Weltbeschreibung, formuliert durch Gilles Deleuze und Félix Guattari in den Siebzigerjahren, lässt sich mühelos eine Abkürzung einschlagen zum von Bruno Latour und Nokolaj Schultz im Corona-Lockdown verfassten Memorandum über die Gesellschaft ökologischer Klassen: „all das, was kommen wird, hat bereits begonnen“, ergänzt um: „Und wir sind ein Teil davon.“ Dieser Art verknüpft die Spore Vergangenheit und Zukunft, ein Hier und viele Dorts, und beantwortet die Frage, was ein Mittel-Amerika-Zentrum überhaupt mit Berlin-Neukölln zu tun hat, wie selbstverständlich mit: „Alles.“

Architektonisch findet sich die Rhizom-Theorie oder auch das ökologische Bewusstsein übersetzt in den Ansatz, verträglich zu bauen. Nachhaltigkeit erlangt mitunter demonstrativ Ausdruck; etwa in der Fassade, wo wiederverwertete Ziegel sich als Mantel um die Ausstellungs-Etage ziehen, oder in den Sanitärräumen, wo Waschtröge recycelt und auf heutige Nutzungsansprüche angepasst, etwa aufgeständert, wurden. Gewiss muss sich das Haus die zeitgenössische Beton-Kritik gefallen lassen. Alle Innenräume leben vom Wechsel zwischen vollflächigem Sichtbeton-Einsatz in den Wänden und der filigranen Liniengrafik ihrer Decken. Es liefert jedoch glaubwürdige Repliken. Es tut dies in Form der von den Architekten bekannten, nur scheinbar selbstverständlichen Taktik, jedes Ihnen zur Verfügung stehende Mittel – sei es Baustoff, Detail oder Produkt – auf die ehrlichste, purste, sofern möglich natürlichste Art und Weise einzusetzen. Wobei die Grenzen des bestehenden Wirtschaftssystems schnell erreicht sind – ein Umstand, der Qualitätsmankos vieler anderer Bauprojekte auf den Punkt bringt: Wer heute echte Materialien sucht, zahlt in den meisten Fällen drauf. Aluminiumprofile, wie sie bei Spore die „Schaufenster“ zur Straßenseite dank ihrer nicht eloxierten Oberfläche zu wie ein Spiegelkabinett flirrender Unwirklichkeit werden lassen, sind Sonderpositionen, erfordern Veränderungen in der Produktionsstraße und kosten also extra. An dieser Stelle kommt die Avantgarde ihrer Aufgabe nach, so beharrlich auf ihren Ansprüchen zu bestehen, sie zu einer derartigen Perfektion zu bringen, dass sie Nachahmer finden und schließlich vielleicht Standard, mindestens doch reale Möglichkeiten werden können.

Die Gegenwart sehnt sich nicht unbedingt zurück in ein Gestern, wenn eine Vorliebe für den Hochglanz-Look einer Pfosten-Riegel-Fassade wie aus den Siebzigern oder der Handwerklichkeit einer Bauernbank anklingt; die Sehnsucht ist auf Verständlichkeit gerichtet, darauf, nicht vom Schein der Dinge, sondern ihrem Wesen erfahren zu dürfen. Die Spore als Idee und die Spore als Haus ist eine unbestreitbar exklusive, jedoch zugleich ehrgeizige und transparente Umsetzung dieser hehren Idee. Die ausgearbeiteten Details – sei es ein metallener Gliedervorhang zur Raumtrennung, seien es sperrig überdimensionierte, wie aus dem Schiffsbau entlehnt scheinende Türscharniere oder seien es die rund hundert aus verschiedenen Abbruchbüros gesammelten Sitzschalen fürs Auditorium – wirklich jede dieser Lösungen spricht von mehr als sich selbst. Alle vernetzen sie sich, sie vernetzen sich mit ihren ursprünglichen und ihren zukünftigen Referenzen, und sie alle stehen in Beziehung zueinander und in einen Raum über sich hinaus. In der Spore hat all das, was kommen wird, bereits begonnen.