Zeit zum Jungsein

Alvar Aalto zeichnete das Paimio-Sanatoriums als er 31 Jahre alt war. Es wurde in Betrieb genommen, da hatte er gerade seinen 35. Geburtstag gefeiert. Lina Bo Bardi zog 1951, mit 37 Jahren, in ihr erstes, selbstgeplantes Haus: Die Casa de Vidro im brasilianischen Regenwald beherbergt heute das Instituto Bardi. Und Joseph Paxton arbeitete als Gärtner für William Cavendish, den 6. Duke of Devonshire, als er im Alter von 33 ein riesiges, nie gesehenes Glashaus für dessen Garten entwarf – den Vorgänger des Chrystal Palace, der 1851 als Austragungsort der erste Weltausstellung Menschen aus aller Welt den Atem rauben sollte.

Der Kuppelentwurf für Santa Maria Del Fiore: Brunelleschi war 36. San Carlino in Rom: Borromini versetzte den Raum als 35-Jähriger in Rauschzustände. Und Mackintoshs Glasgow School of Art? Die Planung floss einem 28-Jährigen aus der Feder. Michelangelo schuf als junger Mann den David. Und als alter Mann schuf er Sankt Peter. Der jungen Generation sind von Jeher relevante Beiträge zur Architekturlandschaft und für den Diskurs zu verdanken. Als jung gelten heute Architekten und Architektinnen in der Zeit zwischen ihrem Abschluss und der Vollendung des vierzigsten Lebensjahres. Man schreibt ihnen relative Unerfahrenheit zu, relative Frische und relativen Mut. Es wird angenommen, dass sich Menschen in diesem Alter beweisen wollen und dafür auch zum einen oder anderen Opfer bereit sind. In geflügelten Worten: Den Jungen obliegt angeblich, die Welt zu verändern.

Als „junger Architekt“ oder „junge Architektin“ zu gelten ist ein zweischneidiges Schwert. Angeblich herrscht Narrenfreiheit, doch wehe ein „Scherz“, ein Wagen und Grenzausloten missfällt. Die Jugend und ihr Tun werden stets von der Warte des Alters her betrachtet und beurteilt. Die Alten machen die Regeln, nach denen die Jungen sich frei geben sollen. Zwischen wohlgelittener Frische und zu verunglimpfender Aufmüpfigkeit verläuft bisweilen ein schmaler Grat. Die Jungen sind auf die Alten angewiesen, seit Menschheitsgedenken haben wir gelernt: Sie müssen ihre Systeme übernehmen, wenn sie sie verändern wollen. So tun es die einen. Treten altgedienten Institutionen bei, bemühen sich eine Weile um Veränderung, und werden letztlich doch nur alt, wie es die Älteren waren.

Daneben gibt es jene, die neuer Wege gehen. Jungsein kann aufgrund der damit einhergehenden Lebensumstände die Hemmung senken und den Wagemut stärken, sich dieser zweiten Gruppe anzuschließen. Die Verantwortung für nur das eigene Leben ist leichter getragen als wären da schon ein, zwei Kinderleben im Spiel, gelte es Kredite abzubezahlen oder ein zehnköpfiges Team zu unterhalten. Doch auch Menschen fortgeschrittenen Alters sprengen noch Grenzen; das bewies weder zuerst noch zuletzt der Baumeister der Vatikanischen Kuppel.

Jung wie Alt sind essenzielle Bestandteile des Lebens und also des Architekturschaffens. Die Frische der Jugend und die Weisheit des Alters dürfen dabei als Klischees gelesen werden. Sie sind Klischees, die es einerseits zu bedienen gilt und mit denen es andererseits zu brechen lohnt. Eine Prise Jungsein darf jeder und jede aus den Vorstößen und Umsetzungen der Unter-40-Jährigen ziehen, doch nicht jeder Ausdruck ist aufs Alter abzuwälzen: Charakter ist eine Eigenart, die mit der Zeit reift. Im besten Fall legen sich die Jahre wie ein Barrique um die feinen Noten. Charakter speist sich jedoch aus soviel mehr. Erfahrungen prägen bereits die erste Hälfte des Lebens – in Elternhaus, Lernumgebung, Nachbarschaft und Freundeskreis. Eigentlich ist der Aufstieg zum Zenit die lehrreichste Phase des Lebens wie auch Schaffens; Erlerntes kann am direktesten in Handlungen überführt werden.

Handeln geht zwangsweise Hand in Hand mit Irren und Leerstellen. Einen Raum für dieses Irren und diese Leerstellen fordern junge Architekturschaffende heute zunehmend ein. Die Projekte, denen die aktuelle Avantgarde nachgeht, sind mitunter auf geradezu provokante Art und Weise ehrlich. Durch die Bereitschaft, sich zu irren, das Anerkennen der eigenen Fehlbarkeit und Beschränkungen, öffnet sich die Tür, um wirklich nach draußen zu blicken – heraus aus dem Elfenbeinturm, der die Architektur immer noch ist. Aus dem Wagnis schält sich eine neue Architektur. Wir wohnen dem Entstehen einer noch unbekannten Ästhetik bei.

Architektur ist stets Abbild ihrer Zeit und der Gesellschaft, in der sie entsteht. Ein Fehler wäre, anzunehmen, sie zeige auch die Gesellschaft für die sie entstünde. Architektur im westlichen Sinne war immer ein Werkzeug der Eliten. Über Jahrhunderte war eine klare Unterscheidung zwischen Planen und Bauen zu beobachten. Es planten die Herrschenden, es baute das Volk. Ein Trugschluss bestünde auch, würden wir den derzeit Nachrückenden jedes Prestigestreben absprechen. Doch Architekten und Architektinnen werden sich ihrer universellen Verantwortlichkeit bewusster. Die Zeit der großen Geste ist vorbei, das Genie entlarvt, die ökonomischen Zwänge werden nicht mehr verharmlost und lediglich hingenommen.

Während die Aufgabe der Architektur lange zuvorderst im Schaffen von idealem Raum, dem Komponieren eines perfekten Miteinanders ausgewählter Materialien und das Interesse auf der metaphysischer Deutung des Gesellschaftlichen lag, kehrt sich das Bewusstsein der Planenden, derzeit hin zum Verwalten. Der Wert des Raums, der Materialien und des Gesellschaftlichen erfährt dabei keine Minderung; allein Raum, Material und Gesellschaftliches werden an sich und nicht mehr repräsentativ verstanden. Die Ästhetik des Ehrlichen heißt: Kabelstränge zu zeigen, anstatt sie hinter einer scheinbaren Decke zu verstecken. Die jugendliche Ästhetik erweitert den Kanon des Architektonischen. Das Architektonische macht die Zwänge nun sichtbar.

Die Umdeutung des Status Quo obliegt immer den Jungen. Bei der Gründung des CIAM waren Le Corbusier, Walter Gropius, Hugo Häring, Ernst Mey, Hannes Meyer alle um die 40 – junge Architekten also. In Erinnerung bleiben sie als Alte Meister. Die 1933 in dieser Runde beschlossenen Punkte der Charta von Athen – Trabantenstädte, Autogerechtigkeit, Funktionstrennung – wurden ihrerseits zu einer Farce, als sie vom Manifest zum Dogma wurde. Als radikale Neuerung gedacht entwickelten sie sich zu etwas, in das sich die Alternden verbissen. Es mangelte an Weitsicht. Nach dem Krieg fiel es vielleicht einfach zu leicht, die doch gerade noch so frischen Ideen umzusetzen; für etwas zu lang gab es etwas zu wenig Impulse.

Sicherlich brachen die damals Jungen mit dem, was die Bomben gefressen hatten, doch sie setzten auch zunehmend um, was die Gesellschaft des Wirtschaftswunders, im Zuge der Ölfunde und als Reaktion auf den Kalten Krieg an Monstrosität zu bauen bereit war, ja forderte. Die nächsten Generationen, bis hin zu den Boomern, waren eine viel zu leise Jugend! Eigentlich übersprangen viele der Jungen die Phase des Aufbegehrens, wanderten direkt von der Studierstube in die Zeichenmaschinerie, die seinerzeit gutes Geld zu geben bereit war. Sie hatten es bequem, denn Mittel und Flächen zum Bauen gab es im Überfluss.

Was wir heute sehen, befreit endlich den Geist: Die Architekten und Architektinnen hinterfragen ihre Kapitalgebundenheit und gestehen sich und der Welt ein – oder vielleicht mahnen sie auch daran –, dass Bauen ein Privileg ist. Sie bringen sich selbst bei, wie es auch gehen kann, denn vieles von dem, was die Lehrer ihnen auf den Weg gaben, taugt wenig bis nichts in der Realität. Architekten und Architektinnen denken sich Abwassersysteme selbst aus, um weniger verschwenderisch zu sein. Sie steigen über Zäune, um Abfallmaterial zu sammeln und veröffentlichen Texte gegen Abriss und Neubau. Nichts davon stand auf dem Lehrplan ihrer Fakultäten, doch sie tragen es hinein in die Hörsäle, unterwandern so das System, das sie geradezu in die Lehre zwingt – denn nur vom Bauen kann kaum einer mehr leben.

Auch diese Jungen werden alt werden, aber sie haben eine klare Haltung und einen Charakter, der helfen könnte weder in Trott zu verfallen, noch Alt-68er zu werden: Sie erkennen das Handfeste an der baukulturellen Arbeit, verbinden Konzept und Anpacken. Architektur gewinnt an Nahbarkeit, vermittelt zunehmend, woraus sie besteht und woran sie scheitert. Die Zeit der Ölgemälde neigt sich dem Ende. Willkommen bei der Konzeptkunst!